Konzert

John Grant
Support: Two Medicine

John Grant hat in New York, Paris, Berlin und Reykjavik gelebt, er spricht sechs Sprachen fließend und hat mit so unterschiedlichen Künstlern und Bands wie Elbow, Robbie Williams und Sinead O’Connor gearbeitet. Der US-amerikanische Singer Songwriter mit melancholischer Schlagseite und markant tiefer Stimme darf also zu Recht als moderner Nomade bezeichnet werden. John Grant Fans dürfen sich freuen – er hat ein brandneues Album dabei.
 
Astra Kulturhaus
Revaler Strasse 99, 10245 Berlin - Friedrichshain



12.11.2018

Synthie-Pop
„Diese Schweine!“
John Grant über Blowjobs, Nina Hagen und sein neues Album

von Stefan Hochgesand

John Grant hat mal als Krankenhausübersetzer gearbeitet. Die Liebe ist für ihn keine Krankheit, sondern Zauberei: „Love Is Magic“ heißt das vierte Studio-Album. Er meint es ernst. Obwohl er ansonsten viel Scherzkeks-Schabernack in seinen Synthie-Suiten treibt – vom Blowjob bis zum „Islamischen Staat“. All das wäre vielleicht nie passiert, hätte Nina Hagen ihm nicht das Leben gerettet. Wir haben mit dem Indie-Liebling aus den USA gesprochen – auf deutsch


tip Was um alles in der Welt krabbelt da auf Ihrem T-Shirt, Mr. Grant?
John Grant Das ist ein Hundertfüßler. Mein Lieblingsvideospiel, 1981 kam das raus. Man musste Pilze wegschießen. Und Insekten, die einem entgegenkamen. Das hat tierisch Spaß gemacht. Ich bin immer zur Mall gefahren, um das stundenlang zu spielen. In meinem Song „Tempest“ geht es auch darum: Videospiele spielen, um der Welt zu entfliehen.

tip Der Welt entfliehen. Werden Sie jetzt am Wochenende in Berlin noch Party machen?
John Grant Das ist so ein Ding, wenn man Alkohol und Kokain und all die Sachen aufgegeben hat. Ich find es schwierig wegzugehen manchmal. Das Einzige, was ich kenne, ist, in einen Club zu gehen: Ficken, Saufen, Koksen. (lacht)

tip Jetzt sind Sie clean.
John Grant Seit 14 Jahren.

tip Über eigene Abhängigkeiten zu sprechen – das trauen sich nicht viele.
John Grant Ja. Das wundert mich, dass Leute wie die Rolling Stones das jahrzehntelang haben machen können, ohne negative Ergebnisse. Aber man sieht es wahrscheinlich nur nicht.

tip  Bei Ihnen kommt noch hinzu, dass Ihr Schwulsein Sie lange bedrückt hat.
John Grant Ja, ’ne ganze Zeit lang konnte ich überhaupt nicht drüber reden. Mit 25 hab ich mich geoutet meiner Familie gegenüber. Aber das sind Sachen, die so tief in einem stecken. Da hat man immer noch Schuldgefühle. Gott gegenüber.

tip  Wäre das mit dem Coming-Out heute wohl anders? In den USA hat sich ja doch was getan.
John Grant Nicht unbedingt. Nee. Wenn jemand in einer gläubigen Familie aufwächst wie ich damals, wäre das heute wahrscheinlich das gleiche wie bei mir.

tip  Die so genannte Korrektivtheraphie, die Eltern verspricht, einen schwulen Teenager hetero zu machen ist nach wie vor…
John Grant … angesagt!

tip  „Love Is Magic“ heißt Ihr Album. Würden Sie es zum Valentinstag verschenken?
John Grant Valentinstag find ich total blöd, also würd ich keinem was schenken, geschweige denn meine eigene Platte. Sowieso sind darauf ziemlich fortgeschrittene Lektionen, was Liebe anbelangt.

tip  Viele denken bei Liebe an Romeo und Julia.
John Grant Ja, da möchte ich die Inszenierung sehen, wo die beiden seit 40 Jahren verheiratet sind und sich ständig auf den Sack gehen! Aber ich glaube, dass die Liebe tatsächlich über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen kann. Wenn man hart daran arbeitet. So eine Beziehung wünsche ich mir.

tip  Sie hatten eine Trennung vor einem Jahr.
John Grant Die Beziehung kommt auf meinem Album vor. Aber das sind alles positive Sachen. In den Liedern, wo ich Leuten Sachen vorwerfe – das hat nichts mit ihm zu tun. Wenn ich jemanden anschreie, sind das irreale Personen.

tip  Mit „smug cunt“, Abschaumsfotze, meinen Sie aber schon den Präsidenten Trump.
John Grant Und Leute wie Trump. Das hat mit meinem Ex überhaupt nichts zu tun. Weil das eine ganz tolle Beziehung war. Eigentlich immer sehr respektvoll und sehr liebevoll, bis zum Ende.

tip  Es gibt auch eine Zeile auf dem Album, mit dem Vorwurf, warum da wer vergessen hat, die Milch mitzubringen. Mit so was mussten sich Romeo und Julia nicht rumärgern.
John Grant Nee. Die Schweine! (lacht) Haben sich den einfachen Weg rausgesucht, mit dem Selbstmord, nicht?

tip  Ihr Album ist aber auch sehr witzig. Sie haben ein Faible für absurde Wortspiele.
John Grant Lustig und gemein – das macht mir Spaß. Ich mache mich lustig über das Absurde im Leben. Wenn die Liebe Amok läuft und man sich wie ein Schwein verhält. Es ist ja öfter vorgekommen, dass ich mich auf eine Art und Weise benommen habe, auf die ich nicht sehr stolz bin.

tip  Was meinen Sie? Jetzt müssen Sie beichten!
John Grant Dass ich jemanden, den ich geliebt habe, angeschrien habe.

tip  Die Menschen, die man liebt, kann man leider auch am schlimmsten verletzen.
John Grant Ja. Das habe ich öfter gemacht. Finde ich nicht gut.

tip  Das verarbeiten Sie in Ihren Songs.
John Grant Ja, bei „Diet Gum“ geht es um sexuelle Abhängigkeit. Und selbstzerstörerisches Verhalten. Das ist eine übertriebene Version von einem meiner vielen Ichs. Theater des Absurden. Das find ich auch sehr lustig. Obwohl das Thema ernst ist.

tip  Sie sind nicht verbittert, wenn Sie über Liebe singen. Aber Sie drücken sich durch so viel Ironie auch davor, final Position zu beziehen.
John Grant Ja, das stimmt. Und ich glaube, bei dem Lied „Love Is Magic“ soll es um diesen Punkt gehen: dass ich mich darüber lustig mache. Aber dass ich es am Ende wirklich glaube: dass Liebe magisch ist. Ja, das ist gefährlich wahrscheinlich, mit der Ironie. Das ist ein Mechanismus.

tip  Zum Selbstschutz?
John Grant Ja, das steckt tief in mir drin. Von Kindheit an.

tip  Seit sieben Jahren leben Sie auf Island.
John Grant Das ist ein Ort, wo ich mich zurückziehen kann. Man kann locker spazieren gehen, ohne vielen Menschen zu begegnen. Angenehm. Ich bin auch gerne allein zu Hause, umgeben von meinen ganzen Büchern und Platten.

tip  Sie hören sehr viel Nina Hagen, sagt man.
John Grant Ja, „NunSexMonkRock“ von 1982 ist meine Lieblingsplatte. Ein Freund hatte mir von Ninas schräger Stimme erzählt. Da war ich total interessiert. Das muss so 1983 gewesen sein, als ich 15 war. 1982 hatte ich ihre erste Platte schon gesehen und dachte beim Cover: „Was ist das für ein schreckliches Ding?“ Unterwegs zur Kirche sind wir immer in den Plattenladen gegangen, Kumpels und ich.

tip  Das war erlaubt im Bible Belt?
John Grant Wahnsinn, ne? Das konnte ich nicht glauben, dass es so was gibt. Und irgendwann hab ich die Kassette gekauft. Das fand ich total beängstigend, als ich die zum ersten Mal gehört habe. Ich hab sie unterm Bettlaken gehört, weil meine Eltern das natürlich nicht mitkriegen durften. Bei diesem Album bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun. Das war so schräg und schrill. Ich hatte davor noch nie so etwas gehört und danach auch nie wieder. Und deswegen ist das meine Lieblingsplatte. Die hat mir auch gezeigt, dass es so viel draußen in der Welt gibt. Dass es Möglichkeiten gibt.

tip  Also hat Nina Hagen Sie als Teenager befreit?
John Grant Vielleicht war das ein Anfang. Dann hatte ich von ihr die Platte „Angstlos“. Dann „In Ekstase“ von 1985. So geile, geile Platten! Und da wollte ich natürlich die Texte von ihr verstehen. Dann hab ich angefangen, Deutsch zu lernen. Das kam in einer sehr schwierigen Zeit, als ich mich mit meiner Sexualität auseinandergesetzt habe, ziemlich viel und ohne Erfolg. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich schwul bin. Weil ich wusste, dass das ein schwieriges Leben für mich bedeutet. Weil mich das von meiner Familie trennt und vom Glauben.

tip  Konnten Sie Nina Hagen je davon erzählen, was Sie in Ihnen alles ausgelöst hat?
John Grant Noch nicht. Wir sollten mal ein Interview zusammen machen in Berlin, aber da hat sie abgesagt, weil sie irgendwo hin musste. Es hieß dann, wir könnten es am Telefon machen, und dann hab ich abgesagt. Nee, da hatte ich keinen Bock drauf: das erste Mal mit Nina Hagen per Telefon zu sprechen. Ich muss sie kennenlernen! Ich lass nicht locker.

Astra Kultuhaus Revaler Str. 99, Friedrichshain, Mi 14.11., 20 Uhr,