01.03.2018

And The Golden Choir im Lido

Der Goldene Chor des Musikers Tobias Siebert hat ein neues Mitglied: einen bunten Pfau, der ein wenig Farbe in die Gesangsgemeinschaft bringt. Mit geschminkten Augen und Ohrring ist er auf dem Cover des neuen Albums „Breaking With Habits“ abgebildet, vor rot-orangenem Hintergrund und golden umrahmt, als wäre es die Darstellung eines Schutzheiligen.ist aber Tobias Siebert selbst. Was seinen Goldenen Chor von anderen Chören unterscheidet, ist nämlich dies: dass er, bei Lichte besehen, aus einer einzigen Person besteht – und diese Person ist der in Berlin lebende Tobias Siebert, der alle Stimmen selbst einsingt und alle Instrumente selbsteinspielt.

Zugleich ist der Chor so etwas wie eine Allegorie: Er steht für die vielen Facetten, die der Musiker in sich trägt, getreu der Precht’schen Wendung: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ So gesehen bringt Tobias Siebert mit dem neuen Chormitglied schlicht zum Ausdruck, dass er eine neue Seite an sich selbst entdeckt hat: seine weibliche Ader, wie er sagt, denn in jedem Mann steckt auch ganz viel Frau. Und wenn das die Herren der Schöpfung einsehen würden, dann wären sie wohl deutlich entspannter. „Dann hätten wir diese verbissenen Geschlechterkämpfe nicht“, sagt Siebert.

Seine Mischung aus Folk und Gospel ist von Kritikern damals als beinahe geisterhafte, hell leuchtende, zu den Engeln singende Musik beschrieben worden. Für das Debüt hatte er sich streng an ein Dogma gehalten: Jede Spur musste live und analog eingespielt werden, von Sekunde Null bis zum Ende des Songs, inklusive aller Störgeräusche, kein Klang durfte nachbearbeitet werden. Nach dem Prinzip „Never change a running system“ hätte er nun ein zweites analoges Folk-Album nachlegen können. „Es hätte mich aber gelangweilt, wenn ich mich wiederholt hätte“, sagt er.

„Meinem Lebensstil entspricht es außerdem mehr zu sagen: Ich mache es ganz anders.“ Deshalb waren nun auch Computer- Samples erlaubt, deshalb ist die neue Platte deutlich elektronischer und trägt den vielsagenden Titel „Breaking With Habits“. „Auch Lieder, deren Struktur mir nicht gefiel, habe ich erst einmal zugelassen und geschaut, was passiert“, erklärt Tobias Siebert. Dass es lohnend sein kann, Gewohnheiten zu durchbrechen und sich für Fremdes zu öffnen, versteht Siebert durchaus auch als politische Botschaft. „Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass es gut ausgehen kann, wenn man das Unbekannte nicht gleich abwehrt.“

Im Song „How  To Conquer A Land“ greift er zur Schiffsmetapher, um den US-amerikanischen Kapitän anzuklagen, der sein Schiff auf einen intoleranten, fremdenfeindlichen Kurs bringt. „Captain captain, you build a new hell – my heart is filled with shame, of course“, singt Siebert da. Im Stück „Clocks“ artikuliert er seinen Hass auf die vielen Uhren, die in seinem Elternhaus ticken – eine Kritik an der Vermessung der Zeit, an der Tyrannei des Chronos. Und eine Sehnsucht nach Tagen und Räumen, in denen die Uhrzeit keine Rolle spielt.

Eine Kirche kann ein solcher Raum sein, oder aber sein Kreuzberger Studio, das ähnlich sakral und aus der Zeit gefallen wirkt. Es ist eine Welt für sich, die Wände sind mit Backstein ausgekleidet, Kronleuchter hängen von der Decke, es dringt kaum Tageslicht ins schummrige Dunkel. Lieber zündet er Kerzen an. „Ich bin mittlerweile aber ein Fan der Sonne geworden“, sagt Siebert. Und in diesem Moment spricht wohl das neue Chormitglied aus ihm: Tobias, der bunte Pfau.

Wir verlosen 5×2 Gästelistenplätze für „And The Golden Choir“ am 15.03. um 20.00 Uhr im Lido. Schickt eine E-Mail mit dem Betreff „Choir“ und warum ihr zu dem Konzert gehen möchtet an gewinnspiel@zitty.de.
[Thorsten Glotzmann]